Die Angst vor denen, die in Frieden ruhen

von Kashifa Butt (Studentin, die für Frieden, Gleichheit und Religionsfreiheit steht und über den Extremismus schreibt, um andere darauf aufmerksam zu machen und diesen zu stoppen)

In der Nacht zum 3.Dezember 2012 zerstörten rund 15 maskierte, bewaffnete Männer mehr als 100 Grabmäler, in einem Friedhof der Ahmadiyya Muslim Gemeinde, in Lahore (Pakistan). Beim Lesen dieser Nachricht kommen einem viele Fragen in den Kopf. Die erste natürlich, wieso jemand so etwas Barbarisches macht? Wieso eine ganze Gruppe von Kriminellen unterwegs ist, um die letzte Ruhestätte von Menschen zu verunstalten? Wie haben diese Menschen, diese herzlose Tat mit ihrem Gewissen vereinbart? Vor allem ist aber unverständlich, wieso jemand beim Ausführen dieser unmenschlichen Tat bewaffnet sein muss? Normalerweise besucht niemand in der Nacht einen Friedhof…Und für die Bewältigung des unwissenden Nachtwächters und seiner Familie sind 15 Waffen eigentlich auch ein paar zu viel, oder?

Dass Ahmadi Muslime in Pakistan schon seit langem aufgrund von Hass, Extremismus und Intoleranz verfolgt und umgebracht werden, ist keine Neuigkeit, doch dass nun auch verstorbene Ahmadi Muslime keine letzte Ruhe finden werden, ist zutiefst schockierend. Gemäß des pakistanischen Gesetzes (Second Ammendment 1974) ist ein Ahmadi Muslim gesetzlich kein(!) Muslim und darf sich nach einem weiteren Gesetz (Ordinance XX, 1984) auch nicht wie einer verhalten, ansonsten drohen ihm eine Haftstrafe von mindestens 3 Jahren. Gleichzeitig ist Pakistan aber auch ein islamisch-demokratisches Land, welches seinem Bürger die Grundrechte garantiert…zumindest macht Pakistan den Anschein, dass das so ist. Inwieweit der Staat wirklich Hilfe leistet bzw. welche Rolle dieser bei solchen Vorfällen einnimmt, soll im weiteren Verlauf erläutert werden.

Die Stellungnahmen pakistanischer Politiker kommen bei solchen Taten mal mehr und mal weniger zum Vorschein, und zwar unbesehen davon, ob es sich dabei um die gezielte Tötung der Schiiten handelt oder um die Festnahmen von Hindus, die neben den Ahmadi Muslimen, auch eine Minderheit in Pakistan bilden.

In dem hier thematisierten Fall der Grabmal-Schädigungen, nahm bis auf Altaf Hussain (Gründer und Vorsitzender der MQM-Partei) und Sharmila Farooqi (Politikerin der PPP-Partei), kein Politiker eine Stellungnahme. Einige Druckmedien berichteten von der unmoralischen Tat, doch in keinem pakistanischen Fernsehsender wurde etwas hierüber ausgestrahlt. Zu groß ist die Angst, dass die einflussreichste Gruppe der muslimischen Extremisten und Fanatiker, auch sie auf ihre schwarze Liste setzt, wenn sie sich zu ihren erbrachten Taten äußern.
Die Moscheen der Gemeinde dürfen nicht als solche bezeichnet werden, ihnen wird das Glaubensbekenntnis in der Öffentlichkeit aberkannt. Wenn man herausfindet, dass jemand Ahmadi Muslim ist, wird diesem in der Schule, auf der Arbeit und überall sonst wo es möglich ist, das Leben unbedenklich erschwert. Und trotz dessen wurde Pakistan nun auch als Mitglied des UN-Menschenrechtsrates aufgenommen, da es ja Tag für Tag seinen Bürgern die Menschenrechte gewährt. Allein wenn man sich die Zahl der täglichen Todesopfer in diesem Lande anschaut, die Selbstmordattacken und die Kriminalitätsrate, da ist doch so viel Entwicklungsbedarf zu erkennen.
Die wahren Kenner des Islams haben, um das Ganze nun auch aus religiöser Sicht zu betrachten, die Erlaubnis, öffentlich, ohne Scheu und ohne Rückhalt zu predigen, dass es die Pflicht jedes ‚richtigen‘ Muslimen sei, Ahmadi Muslime umzubringen. „Wajib-ul-Qatl“ ist hier übrigens die korrekte Bezeichnung. Ganz unerwartet natürlich nimmt auch die Zahl dieser ‚richtigen‘ Muslime mit der Zeit zu. Dass Politiker und religiöse Prediger dies in den Medien leugnen bzw. sich überhaupt gar nicht zum Sachverhalt äußern, ist eine andere Sache. Eigentlich ist Religionsfreiheit auch in den Menschenrechten verankert, aber dieser Aspekt wird anscheinend ignoriert.
Keiner will eben das gleiche Schicksal erleiden müssen, wie Salman Taseer (Gouverneur der Punjab-Provinz), welcher sich als liberaler Politiker für die Gleichberechtigung der Ahmadi Muslime aussprach und sich gegen die Blasphemie-Gesetze einsetzte und deshalb, vom eigenen Leibwächter, der nun von islamistischen Extremisten als Held gefeiert wird, umgebracht wurde.

Doch nun wieder zurück zu der Demolierung der über hundert Grabmäler. Auf dem Friedhof waren Menschen begraben, die in den Augen der bereits dargestellten islamistischen Gruppierungen jedoch nur die Zuschreibung  „Ungläubige“ erhalten. Die Menschen, die unter der Erde begraben sind, haben somit als Nicht-Muslime kein Recht darauf, einen Grabstein zu besitzen, welcher, wie es bei einem muslimischen Grabmal üblich ist, Gravierungen von Koran-Versen beinhaltet. Würde man die Meinung der Politiker zu Rat ziehen, würden diese wiederum auf andere Politiker verweisen, diesem und jenem die Schuld geben und sich geschickt aus der Sache zurückziehen. Dies bezüglich muss natürlich erwähnt werden, dass das nicht das erste Mal ist, dass diese Unmenschen Grabsteine für ihre ‚Missionsarbeit‘, verunstaltet haben. Zuvor wurden auch in anderen Städten Pakistans Grabsteine mit Farbe übermalt, damit die arabische Schrift des Korans nicht mehr zu erkennen ist oder aber haben sie diese anders geschädigt. Ebenso wurde das Wort „Muslim“ vom Grabstein des ersten muslimischen Nobelpreisträgers Prof. Dr. Abdus Salam getilgt, da er auch Mitglied der Ahmadiyya Muslim Gemeinde und daher gesetzlich kein Muslim war.

Dass vieles unsozial, undemokratisch und gefährlich in Pakistan zu geht, ist der Mehrheit, die in diesem Land lebt, dort geboren ist oder ihre Wurzeln in diesem Lande hat, mehr als nur bewusst. Doch jeden Tag aufs Neue die Erkenntnis zu machen, dass noch mehr Hass und Unmenschlichkeit verbreitet wird und diese sogar Halt und Akzeptanz unter bestimmten Menschen findet, ist sehr erstaunlich. In den meisten dieser Fälle war es die Polizei, die aufgrund von Beschwerden der Bürger und Hassprediger, solche Aktionen durchführte.

Und wenn wir schon bei der Polizei sind, dann vielleicht auch ein paar Worte zu ihrer Rolle, Unterstützung und Kooperation.
Als diese Gruppe von 15 Männern auf dem Lahore Friedhof in Modeltown mit ihrem Auftrag in weniger als einer Stunde fertig war, traf die Polizei ein. In der Zwischenzeit hatte nämlich der festgebundene Wächter es geschafft, diese zu benachrichtigen. Die sich selbst als Teil der Taliban bekennende Gruppe verschwand, als sie Luftschüsse hörte. Die Polizei fand lediglich die festgebundenen Menschen vor, die zudem auch noch von diesen Kriminellen bestohlen worden waren. Erstaunlich ist, dass die Klage seitens der Ahmadiyya Muslim Gemeinde zu Beginn gar nicht akzeptiert wurde, da die Polizisten sich zunächst mal ein Bild von dem ganzen Szenario machen wollten. Unverständlich ist hierbei, wieso der Gemeinde dieses Recht zuerst verweigert wurde? Außerdem ist doch der korrekte und gesetzliche Vorgang, dass die Polizei alles dokumentiert und dann ihre Untersuchungen durchführt und investiert. Wieso das hinausgezögert wurde, wirft auch viele Fragen auf.

Wenn diese vom hassgeprägten Extremisten ihre Tat sowieso jedes Mal rechtfertigen, wieso musste diese dann in später Nacht durchgeführt werden? Wieso mussten sie ihre Gesichter verhüllen, wenn sie doch moralisch, gesetzlich und islamisch richtig agiert haben?

Und wieso um alles in der Welt mussten sie bewaffnet sein, damit sie die Grabsteine zerstören können? War es die Angst vor den toten Ahmadi Muslimen oder vor was soll das Gewehr geschützt haben? Betrachtet man in der Vergangenheit Ereignisse, so wurden Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Ahmadiyya Muslim Gemeinde getötet oder aber es wurde in der Öffentlichkeit gegen Ahmadi Muslime propagiert und ihnen wurde gedroht. Doch nun auch auf Friedhöfen zu zeigen, dass die Toten, die unter der Erde liegen, eigentlich keine toten Menschen sind, sondern tote Ahmadis, brachte diese Menschen dazu, so unmoralisch und unmenschlich zu verfahren.

In Anbetracht der beschriebenen Grausamkeiten und der Intoleranz kann man bei weitem noch nicht von einer möglichen, positiven Veränderung sprechen. Wie die Zukunft der in Pakistan lebenden, angeblich gleichberechtigten Bürgern aussieht, wie und ob die Politik statt nur manchmal zu reagieren, auch mal agieren wird, ist genauso unvorhersehbar wie die Handlungen dieser Barbaren. Vielleicht wird es ja irgendwann mal möglich sein, ganz nach dem Motto „Liebe für alle, Hass für keinen“ ein Miteinander-Leben zu garantieren.

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2 thoughts on “Die Angst vor denen, die in Frieden ruhen

  1. very well written mashAllah….JazakAllah Ahsanal Jaza!

  2. Schamon

    Māshā’Allah! Very good Article, I hope Allah open their eyes soon! Keep up the good work. May Allah protect us from those evils (Ameen)

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